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astrea/Apotheke

«Ohne PMC würde man nur die Spitze des Eisbergs sehen»

Viele Patienten befolgen ihre Therapie nicht. Warum ist die sogenannte Therapieuntreue so verbreitet?
Kurt E. Hersberger*: Der Patient kann Bedenken haben, z.B. ob die verschriebenen Medikamente unerwünschte Nebenwirkungen besitzen. Möglicherweise sieht er die Notwendigkeit seiner Therapie nicht ein. Auf praktischer Ebene kann die Handhabe der Medikamente schwierig sein. Die Vergesslichkeit spielt ebenfalls eine Rolle.

Mit welchen Risiken ist die mangelhafte Therapietreue verbunden?
Nimmt ein Patient die verschriebenen Medikamente nicht regelmässig ein, wird das Ziel der Therapie verfehlt. Pausiert der Patient mit der Einnahme, kann das zu Nebenwirkungen führen: Ein Patient, der ein bis zwei Tage auf seinen Betablocker verzichtet, wird wahrscheinlich einen erhöhten Blutdruck aufweisen.

Wie kann ein Polymedikationscheck (PMC) helfen?
Die Gründe für die Therapieuntreue sind individuell abzuklären. Es gibt kein «Betty Bossi»-Rezept. Nur im Gespräch erfährt der Apotheker, wie der Kunde sämtliche Medikamente im Alltag anwendet – von der Fusscreme bis zu den Augentropfen. Oft ist der Therapieplan unnötig kompliziert. Die Idee von PMC ist es, einfache Lösungen für den Alltag anzubieten. Bei Vergesslichkeit beispielsweise kann der Apotheker ein Wochendosiersystem oder Blister empfehlen.

Was ist das Ziel des PMC?
Sicherheit. Der Apotheker kann dem Patienten bei einem PMC das nötige Wissen vermitteln. Es ist wichtig, den Patienten zu motivieren und ihn seinen Bedürfnissen entsprechend zu beraten. Zudem gewinnt der Apotheker einen Überblick darüber, welche selbst gekauften Medikamente der Patient sonst noch einnimmt. Er kann einschätzen, ob jemand für seine komplexe Therapie mehr Hilfe braucht. Bei Interaktionen mit selbst bzw. anderswo gekauften Medikamenten oder Nierenproblemen etwa kann der Apotheker mit dem Arzt Rücksprache nehmen. Ohne PMC würde man nur die Spitze des Eisbergs sehen.

Welche Erfahrungen haben Sie als Apotheker mit PMC gemacht?
Ich halte den PMC für die genialste Dienstleistung, die in den letzten Jahren in den Apotheken eingeführt wurde. Ein Meilenstein wie damals die Abgabe der «Pille danach» ohne ärztliche Verordnung. Das Protokoll für den Schweizer PMC habe ich zusammen mit einem Expertenteam entwickelt. Der Polymedikationscheck ist ein wichtiger Beitrag für eine sichere Pharmakotherapie. Von meinen Kunden habe ich nur positive Rückmeldungen erhalten.

Auf welche typischen Probleme sind Sie gestossen?
In meinen Beratungen habe ich häufig festgestellt, dass die Leute Angst davor haben, zwei Medikamente gleichzeitig einzunehmen. Sie machen sich Umstände, nehmen Pillen vor sowie nach dem Frühstück ein und konstruieren sich so wild einen Tagesablauf. Ich erkläre dann, dass sie meistens nichts zu befürchten haben und nur wenige Ausnahmen beachtet werden müssen. Natürlich entdeckt man bei einem PMC auch Medikamente, die fälschlicherweise zusammen oder gar doppelt eingenommen werden.

Können Sie ein eindrückliches Beispiel nennen?
Eine Patientin kam nach einer Hüftoperation zur Beratung. Sie sollte einen Blutverdünner in Form einer kleinen Tablette nehmen. Weil sie eine starke Sehschwäche hatte, hat sie diese Pille gar nicht gesehen, wie ich bei einem Blick in ihr Dosett feststellen musste. Die übrigen Medikamente nahm sie gewissenhaft, nur diese kleine Pille nicht. Da haben wir die Medikamente in Wochenblister abgefüllt und die Handhabung genau instruiert.

Wer kann von einem PMC besonders profitieren?
Der Check ist für Personen gedacht, die dauerhaft mindestens vier Medikamente brauchen. Generell kann jeder profitieren, der auf Arzneimittel angewiesen ist, egal, ob jung oder alt. Je mehr Medikamente man nimmt, desto grösser ist der Nutzen vom PMC. Ich habe vor allem Leute beraten, die im Schnitt 12 bis
15 Medikamente benötigen. Da hätte auch ich Mühe, mich zu organisieren. Dank PMC kann der Patient in Ruhe seine Medikamente besprechen – meist eine Premiere für den Patienten. Erfahrungsgemäss schätzt er die ausschliesslich pharmazeutische Beratung. Dies trägt zum Therapieerfolg bei.

Wie hoch schätzen Sie die Kosten der fehlenden Therapietreue?
Für die Schweiz gibt es noch keine genauen Zahlen. Doch grundsätzlich gilt: Je komplexer die Therapie und je kritischer der Zustand des Patienten, desto eher kommt es zu Spitaleinweisungen und massiven Problemen. PMC kann dem Patienten unnötige Arztbesuche, Spitalaufenthalte und Medikamente ersparen.

Wie überprüfen Sie, wie erfolgreich PMC in der Praxis ist?
Entscheidend für eine erfolgreiche Anwendung von PMC ist eine spezifische Aus- und Weiterbildung. Den Praxisnutzen wollen wir in einer Studie untersuchen.

Der Therapieuntreue auf der Spur
Wenn ein Patient seine Medikamente nicht ordnungsgemäss einnimmt, spricht man von Therapieuntreue. Beim Polymedikationscheck (PMC) prüft der Apotheker während eines Beratungsgesprächs, ob der Kunde seine Arzneien so einnimmt, wie er sollte. Die Krankenkasse vergütet Personen, die auf Dauer mindestens vier verschriebene Medikamente nehmen müssen, halbjährlich einen PMC. Dieser kostet rund
40 Franken.

Zentrale Fragen während des Polymedikationschecks:

  • Wissen Sie, wie Sie Ihre verschiedenen Medikamente einnehmen sollen?
  • Wissen Sie, warum Sie die verschiedenen Medikamente einnehmen sollen?
  • Vergessen Sie sie manchmal?

Mehr Informationen unter www.pharmaSuisse.org

*Kurt E. Hersberger ist Apotheker und Professor an der Universität Basel

 

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